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Über das Nachkriegs-Deutschland, Flipperautomaten und die Energie unter dem brodelnden Kessel

Lucien Forni begann bereits in den 1950er Jahren Judo zu trainieren, wechselte in den 1960er Jahren zu Meister Noro, als dieser noch Aikido unterrichtete. Und er gehörte zu den wenigen, die mit ihm weiter den Weg teilten, als dieser 1979 das Kinomichi entwickelte. Seit vielen Jahren leitet Lucien Lehrgänge in Berlin, wo er mit uns sprach.

 

Bernd Sobolla: Lucien, Du bist 1933 geboren und müsstest somit auch den Zweiten Weltkrieg schon bewusst erlebt haben. Welche Erinnerung verbindest du mit deiner Kindheit?

Lucien Forni: Ich bin 1933 in Épinay-sur-Seine geboren, das ist ein Vorort von Paris. Dort lebe übrigens noch immer und bin dort auch zur Schule gegangen. Heute lebe ich nicht weit entfernt von dem Ort, wo ich schon zu Kriegszeiten lebte. Als der Krieg ausbrach, war ich noch ein Kind. Meine Erinnerungen gehen zurück bis ins Jahr 1940/41, als die deutsche Regierung ihre Truppen nach Frankreich entsandte. Da war ich 7 oder 8 Jahre alt. Die Zeit damals war natürlich nicht einfach. Wenn man den Krieg als Kind erlebt, wird man schneller alt. Man ist gezwungen, schnell erwachsen zu werden. So musste ich zum Beispiel Lebensmittel besorgen, was nicht einfach war.

Als die deutsche Besatzung begann, flohen viele Franzosen aufs Land. Auch meine Familie verließ Paris. Sieben Monate habe ich auf dem Land verbracht, weit weg von Paris. Als ich dann zurückkehrte, war Paris okkupiert. Ich habe als Kind nicht sonderlich unter dem Krieg gelitten. Das größte Leid, das ich empfand, war die Trennung von meinem Vater, der zum Arbeitsdienst nach München oder in die Nähe von München geschickt worden war, wo er ein Jahr arbeiten musste. Die damalige französische Regierung verpflichtete qualifizierte französische Arbeiter zum Arbeitsdienst  (STO – Obligatorischer Arbeitsdienst) zumeist in Arbeitslagern.

Mein Vater war 1943 für sieben Monate in einem Arbeitslager. Aber er hatte dort gewisse Freiheiten. Er litt nicht allzu sehr, und er hatte Kontakt mit deutschen Familien, die ihn gut aufnahmen und ihm oft halfen. Sicher hat ihn die Trennung von seiner Familie sehr geschmerzt. Aber er sagte immer: „Ich habe in Deutschland wunderbare Menschen kennengelernt.“

Also nahm man mich von der Schule

 Welche Wünsche oder Pläne hattest Du als heranwachsender junger Mann, als sich nach 1945 Europa neu ordnete?

Damals ging ich noch zur Schule, also bis 1947. Der Krieg war für uns nicht einfach so zu Ende. Noch vier, fünf Jahre nach Kriegsende war es schwierig, sich zu ernähren, Arbeit zu finden. Man musste sich völlig neu organisieren. 1946/47 ging ich noch zur Schule, legte eine Prüfung ab und hätte eigentlich weiter lernen sollen. Ich ging gern zur Schule. Aber mein Vater hatte einen Unfall, bei dem er sich sein Bein schwer verletzte, sodass er sechs Monate lang kaum gehen und somit auch nicht arbeiten konnte. Das war hart für die Familie. Also nahm man mich von der Schule, damit ich arbeiten ging. Ich war hin und her gerissen. Aber so war das Leben.

Wenn sich dieser Unfall nicht ereignet hätte, welchen Weg hättest Du dann eingeschlagen?

Die ganze Situation war schwierig für mich: Mir wurde gesagt, dass ich die Schule beenden und arbeiten müsste, um mit zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. In der Schule liebte ich das Fach Geschichte, die Geschichte Frankreichs, Mathematik hingegen nicht so sehr. Ich liebte das Fach Geschichte, insbesondere Napoleon. Als ich meinen Militärdienst in Deutschland leistete, hatte ich die Gelegenheit, Napoleons Route in Deutschland zu verfolgen. Ich besuchte die Orte, durch die auch Napoleon gezogen war. Also der Militärdienst in Deutschland war für mich durchaus eine interessante Zeit.

Mein Vater, der während des Krieges  zum Arbeitsdienst in Deutschland verpflichtet worden war, hatte uns immer erzählt, dass er in Deutschland in der Zivilbevölkerung wunderbare Menschen kennengelernt hatte. Vielleicht war dies der Grund, warum ich Deutschland für meinen Militärdienst ausgewählt hatte, denn ich hätte die Wahl gehabt, den Militärdienst woanders abzuleisten. Ich verbrachte insgesamt eine gute und interessante Zeit in Deutschland, bevor ich als Soldat nach Algerien gesandt wurde, in den Algerienkrieg.

Immer begeistert von dem, was er tat

 Beruflich wurdest Du Unternehmer, Du hast mit Holz gearbeitet, Du warst auf Baustellen aktiv. In Deutschland gab es ja schon damals ein relativ strukturiertes Ausbildungssystem. Hast Du eine Art Ausbildung zum Tischler gemacht oder bist Du eher zufällig in das Gewerbe reingerutscht?

Als ich 14 Jahre alt war, haben mich meine Eltern auf eine Berufsschule in Enghien-les-Bains geschickt. Aber nicht für sehr lange, da ich arbeiten musste, um Geld zu verdienen. Also ich besuchte die Berufsschule ein Jahr. Das ist nicht lange. Ich hatte den Beruf des Tischlers gewählt. Das gefiel meinem Vater nicht, da er selbst schon Tischler war. Ich habe dennoch diesen Beruf gewählt. Nach einem Jahr dann bin ich in einer Firma eingestellt worden. Da war ich kaum 15 Jahre alt. Ich habe also angefangen zu arbeiten und besuchte parallel Kurse in Paris, um mich auf eine berufliche Prüfung vorzubereiten (CAP). Nach drei Jahren habe ich diese Prüfung abgelegt und weiterhin in dieser Firma gearbeitet, 22 Jahre.

Ich habe also meinen Beruf erlernt und war immer begeistert von dem, was ich tat. Alles was ich machte, machte ich aus Leidenschaft. Und ich empfand von Beginn an Leidenschaft für den Beruf des Tischlers und Zimmermanns. Ich habe sehr schnell alles gelernt, was man für diesen Beruf brauchte und mit 18 Jahren wurde mir die Ehre zuteil, zum Handwerksgesellen ernannt zu werden. Geselle wurde man zwischen 20 und 25 Jahren. Und ich war gerade einmal 18 Jahre alt. Das hieß, man konnte mir bei einem Hausbau die Zimmermannsarbeiten sowie die Holzarbeiten von Treppen, Türen und Fenstern anvertrauen. Damals setzte man noch kaum Maschinen ein. Mein Leben lang habe ich für meine Arbeit Begeisterung empfunden – und für den Sport.

Bevor wir zum Sport kommen, würde ich gerne noch einmal zurück zur Militärzeit, die Du freiwillig in Deutschland absolviert hast, wenn ich dich richtig verstanden habe.

Ich durfte mir das aussuchen.

Brücken über den Rhein

Wann kamst Du nach Deutschland, und was war in dieser Zeit deine Aufgabe? Was hast Du erlebt?

Damals wurde man mit 21 Jahren Soldat. Es gab eine zeitliche Verzögerung, ich weiß nicht mehr warum, da man in Frankreich eigentlich mit 20 Jahren den Militärdienst antrat. Und als man uns wählen ließ, in welchem Land wir dienen wollten, wählte ich Deutschland. So bin ich nach Breisach am Rhein gekommen. Dort wurde ich einem Bataillon zugeordnet, in dem die Soldaten auf einen höheren Rang vorbereitet wurden. Ich hatte das eigentlich nicht vor, legte dann aber die Prüfungen ab, lernte Lastwagen zu fahren, und ich gehörte einer Spezialtruppe der Gebirgsjäger an. Ich kam im August 1954 in Deutschland, und wir verbrachten den Winter damit, Brücken über den Rhein zu bauen. Es war sehr kalt. Wir bauten Brücken, lernten in den Bergen Skilaufen, hielten dort Manöver ab etc. Das war alles sehr interessant. Ich kam in der Gegend herum, legte eine Prüfung ab und wurde Unteroffizier.

Ich hatte einen Kommandanten, der eines Tages nachfragte, ob es unter den Soldaten einen Tischler gebe, der bei ihm Zuhause einige Arbeiten ausführen könnte, was ich dann übernahm. Er fragte mich, ob ich Gefallen daran fände, fünf, sechs Momente in Deutschland Orte zu aufzusuchen, deren Straßen im Falle eines feindlichen Überfalls aus dem Osten vermint werden müssten. Unter anderem mussten wir Brunnen untersuchen. Für diesen Auftrag war ich fünf Monate im Schwarzwald unterwegs. Das war keine einfache Arbeit, aber ich kam herum. Wir wurden in deutschen Familien untergebracht, und da bin ich wunderbaren Menschen begegnet. Deutsche, die gegen ihren Willen gegen Frankreich kämpfen mussten, so wie auch ich als Soldat später in den Algerienkrieg geschickt wurde, ob ich wollte oder nicht. An die Zeit in Deutschland habe ich gute Erinnerungen.

Unter der Lawine

Wann war das?

Das war 1954/55. Ich kam 1954 nach Deutschland und gehörte zur  französischen alliierten Westmacht. Ende 1954 rückten wir in die Berge in der Nähe von Rastatt aus, um an einem Manöver teilzunehmen Man wollte sehen, ob wir der Kälte standhalten konnten. So war das in der Armee. Im Gebirge überraschte uns eine Lawine. Ich war in einem Lastwagen und wir wurden im Lastwagen von der Lawine eingeschlossen. Es war Nacht, und es war eiskalt. Es gelang uns dann, aus dem Lastwagen herauszukommen. Ich war damals der einzige mit Dienstgrad in der Gruppe. Wir mussten dann drei, vier Stunden durch den Schnee kriechen, um einen Ort zu finden, der uns Schutz bot. Man schickte Suchtrupps nach uns aus. Man glaubte nicht, dass wir in der Lawine überlebt hätten. Aber dann fanden sie uns in einem kleinen Haus, eher eine Baracke, gegen 10:00 Uhr morgens. Meinem Kameraden mussten sie aufgrund der Kälteschäden die Füße amputieren. Ich selbst trug nur leichte Kälteschäden davon. Diese Geschichte wurde auch in einer Zeitung veröffentlicht. Ich erinnere mich aber nicht mehr daran, wie diese Zeitung hieß. Als ich in die Kaserne zurück kam, stellte ich mich unter eine eiskalte Dusche, und dieses kalte Wasser verbrannte mir fast die Haut. Derart ausgekühlt war ich. Aber ich bin davon gekommen.

Das war etwa Mitte der Fünfzigerjahre. Etwas später, ich glaube, es war 1958, kamst Du dann zum Judo. Was hat dich zum Judo geführt? Wie begann deine Laufbahn in den Bewegungskünsten?

Seit der Grundschule habe ich immer Sport getrieben. Ich begann mit Geräteturnen, dem Seitpferd. Ich habe Fußball und Rugby gespielt, habe immer sehr viel Sport getrieben. Eines Tages nahm mich ein Freund mit in einen Club, der „Jeunesse Sportive d’Epinay“ hieß, und man boxte dort. Mir gefiel das Boxen an sich nicht so gut. Aber nebenan fielen mir Leute auf, die Judo trainierten.

Aber mein Freund hatte mich zum Boxen mitgenommen! Dann tauchte ein Boxer auf, gab mir Handschuhe, sagte, ich müsse mich gut schützen und schon lag ich auf der Erde. Und als ich wieder hoch kam, sagte ich: „Ich und Boxen? Nein danke!“ Aber nebenan sah ich das Judo Training und das gefiel mir sehr. So kam ich zum Judo und bin in den Judo Club von Enghien eingetreten. Mein Freund blieb übrigens beim Boxen.

Italienische Immigranten in Frankreich

Was war deine Motivation, dich den Kampfkünsten zu widmen?

Das war vielschichtig. Vielleicht waren es auch meine Lebensumstände: Während des Krieges war meine Familie von Italien nach Frankreich emigriert. Wir waren also italienische Immigranten in Frankreich. Meine Eltern hatten immer großen Respekt gegenüber dem Land, das uns aufgenommen hatte. Noch vor dem Krieg erhielt ich die französische Staatsbürgerschaft, nicht aber meine Eltern. D.h., ich war Franzose, meine Eltern aber waren Italiener. Wir haben während des Krieges gelitten, da Deutschland und Italien im Krieg eine Allianz gebildet hatten (Achsenkräfte) und wir waren ja Italiener in Frankreich. Gegenüber den Franzosen war unsere Lage also schwierig, und man nannte uns „Makkaroni“.

Zudem litt ich unter meiner Größe. Ich war klein. Anfangs war meine Motivation, im Judo zu lernen, wie ich mich verteidigen konnte. Das Judo war noch nicht sehr bekannt. Also, meine Motivation war eine doppelte: Es hatte mit dem sozialen Status meiner Familie zu tun, da wir als Italiener weder von den Franzosen noch von den Deutschen anerkannt wurden. Denn Mussolini hatte sich inzwischen mit Hitler entzweit. Meine Eltern waren im französischen Widerstand aktiv gewesen, aber das wusste kaum einer. Als Italiener galten wir also als Verräter – gegenüber den Nazis und gegenüber den Franzosen.

Und die zweite Motivation war, wie schon erwähnt, meine Größe. Ich wollte lernen, mich zu verteidigen. Später habe ich meine Meinung darüber geändert.

„Es wird sehr schwierig werden“

Als du mit dem Judo begannst, gab es noch keine Einteilung in Gewichtsklassen. Hast Du an Wettkämpfen teilgenommen?

Als ich die Tür des Dojos in Enghien öffnete, kam mir ein Mann entgegen, Guy Dupuy. Er ist kürzlich verstorben. Er sagte mir: „Du willst also Judo machen?“ Er betrachtete mich, nahm meine Größe in Augenschein und sagte: „Weißt du, dass es keine Gewichtsklassen gibt? Das wird schwierig werden für dich. Aber wenn du eine gute Technik lernen wirst, dann kannst du auch an Wettkämpfen teilnehmen. Aber du wirst es zu tun haben mit Leuten, die größer und kräftiger sind als du. Und es wird sehr, sehr schwierig werden.“ Da ich aber unbedingt lernen wollte, mich zu verteidigen, sagte ich mir, dass wohl das beste Mittel eine gute Technik wäre, um Gegnern entgegenzutreten, die stärker waren als ich.

Ich gewann niemals, aber ich verlor auch niemals.

 Man hat mir erzählt, dass dir Guy Dupuy spezielle Techniken gezeigt habe.

Die Regeln im Wettkampf waren damals sehr streng. Es gab eine Kleidungsvorschrift, wie der Kragen und der Ärmel zu sein hatten, und es durfte nichts verändert werden. Mein Lehrer sagte zu mir: „Weißt du, wenn du dich immer ganz genau an die Regeln halten willst, wirst du Schwierigkeiten haben. Aber wenn es dir gelingt, dass dein Gegner dem Schiedsrichter den Rücken zuwendet, wird dieser nicht sehen, was du gerade tust. Also, ich zeige dir Techniken, die du dann einsetzen kannst. Zum Beispiel konnte ich meine Hand senken, am Kimono entlang, und setzte dann meinen Ellbogen ein. Das war effektiv und der Schiedsrichter konnte es nicht sehen. Eines Tages – als sich alle damals untereinander kannten – bekamen die Schiedsrichter davon Wind und sie sagten mir: „Achtung, Forni. Achtung! Keinen Ellbogen!“ Aber mein Lehrer hat mir immer solche Techniken beigebracht: Den Kragen fassen, den Ärmel fassen, das Handgelenk fassen… Naja, und so kam ich zurecht.“ Im Wettkampf war es so: Ich gewann niemals, aber ich verlor auch niemals. Denn ich hatte einen starken Willen und griff ohne Unterbrechung an. Vor allem vermied ich es, auf den Boden gedrückt zu werden, da die Gegner größer waren als ich und ich mich dann vielleicht nicht mehr hätte bewegen können. Aber ich hatte Kampfesgeist und der Kampfrichterentscheid fiel immer für mich aus. Immer. Ich habe nie völlig verloren, auch wenn ich nie absoluter Sieger war. Aber der Kampfrichterentscheid fiel fast immer für mich aus. Das brachte uns Punkte. Fünf Punkte statt zehn. Da ich auch Rugby spielte, konnte ich auch einstecken, das störte mich nicht allzu sehr.

„Es gibt da einen japanischen Meister…“

 1958 hast du mit dem Judo angefangen. Und der Algerienkrieg, an dem du ja teilgenommen hast, war zwischen 1954 und 1962. Konntest du da schon auf ein gewisses Erfahrungsspektrum aus dem Judo zurückgreifen? Der Aikido-Meister Koichi Tohei, der ja noch deutlich älter ist als Du, berichtet in seiner Biografie z.B., wie er die militärische Ausbildung in den 1930er Jahren in Japan durchlief und wie ihm das Aikido-Training dabei geholfen hatte, das zu überstehen. Wie war das bei dir?

Ich widmete mich intensiv dem Judo, nachdem ich aus dem Algerienkrieg zurückgekommen war, nicht vorher. Vorher hatte ich erst ein bisschen Judo gemacht. Erst ab 1958 wurde das Judo für mich wirklich intensiv. Nachdem ich dann eine Weile intensiv Judo trainiert hatte, sagte Guy Dupuy, der mein Lehrer war, 1961 zu mir: „Es gibt einen Sport, der aus Japan kommt, der sich Aikido nennt. Man weiß nicht allzu viel darüber. Es gibt da einen Franzosen, André Nocquet, der hat sich eine Zeit lang in Japan aufgehalten. Er hat dort japanische Lehrer kennengelernt.“ Also  kannte er auch Masamichi Noro. André Nocquet war also aus Japan zurückgekommen, und einer seiner Schüler wiederum machte eine Aikido-Vorführung in unserem Club in Enghien. Diese Vorführung schaute ich mir an, denn wir hatten vorher eine Judovorführung gemacht. Wir hatten keine Ahnung vom Aikido. Und es war Dominique Balta, der diese Aikido-Vorführung machte. Ich sagte sofort: „Das ist ja fantastisch, dieses Aikido.“ Und mein Lehrer sagte: „Hört mal, alle Schwarzgurte, wir werden den einladen! Dieses Aikido sieht fantastisch aus, wir wollen das auch lernen.“ Und so kam Dominique Balta nach Enghien und hat uns das Aikido von André Nocquet beigebracht. Dann gab es da auch noch Mutsuro Nakazono. Ich war damals noch kein Schwarzgurt im Judo. Und so übte ich mich weiterhin sowohl im Judo als auch im Aikido: Judo war zum Beispiel abends von 19.00 bis 20.00 Uhr, und von 20.00 bis 21.00 Uhr machte ich Aikido. Dann nahm ich mein Fahrrad und fuhr 10 km zum  Place de l’Etoile. Denn dort in der Nähe gab es einen Club, den Club Pleyel, wo man verschiedene Lehrer einlud, vor allem Japaner. Dort traf ich André Nocquet und auch etliche Karateka. Das beeindruckte mich alles sehr. Es war das erste Mal, dass ich dort Japanern begegnete. So trainierte ich dienstags und freitags. Eines Tages sagte Dominique Balta, mein Lehrer: „Es gibt da einen japanischen Meister, der 1961 in Europa angekommen ist, der dann in Belgien war und an der  Côte d’Azur und der jetzt in Paris ist, Rue de Constance. Den wollen wir einladen.“

So bin ich das erste Mal Meister Noro begegnet. Er kam also in unseren Club nach Enghien. Das Dojo hatten wir selbst gebaut. Die Matte bestand aus Säcken, die mit Sägespänen gefüllt und mit einer Plane bedeckt waren. Wenn man eine Rolle machte, so gab es ein Loch. Dann musste man das Loch wieder glätten. In diesem Raum trainierten wir. Aber eines Tages konnten wir richtige Matten auslegen. Und an diesem Abend kam Meister Noro zu uns. Über uns war ein Holzboden, auf dem  Tänzer trainierten. Von Zeit zu Zeit machte das natürlich Lärm. Ich erinnere mich gut, als Meister NORO kam, und man hatte mir gesagt, es handle sich hier um einen außerordentlichen Meister. Ich hatte ihn noch nie vorher gesehen. Er setzte sich im Seiza auf die Matte – er sprach nicht viel Französisch – und sagte: „Ich bin Noro.“ In diesem Moment begannen die Tänzer in der oberen Etage ihr Training. Der Staub wirbelte von der Decke herab. Meister Noro sprach, aber niemand konnte ihn verstehen. Schließlich hob er den Kopf und sagte: „Wir beginnen.“ Und dann nahm er meinen Lehrer als Partner und zeigte Shio Nage, im Kinomichi sagen wir Iten. Ich war zutiefst beeindruckt von dieser Technik und sagte mir: „Das ist ein Tiger!  Eine solche Kraft und eine brillante Technik. Von dem muss ich lernen!“

Ich sagte zu meinem Lehrer Dominique Balta: „Können wir mit ihm arbeiten?“ Er antwortete: „Ja, er ist in Paris, Rue de Constance.” Aber… Also, mein Lehrer wollte nicht, dass ich zu Meister Noro gehe. Aber ich bin trotzdem hingegangen. Und so habe ich Meister Noro 1965 kennengelernt und habe dann an allen seinen Lehrgängen teilgenommen. Aber parallel trainierte ich weiterhin Judo und nahm an Wettkämpfen teil. Bis 1974 habe ich an Judo Wettkämpfen teilgenommen. Zwischen meiner Arbeit, dem Judo und dem Aikido war ich nicht viel zu Hause. Fast jeden Abend trainierte ich. Als ich dann zum ersten Mal im Dojo bei Meister Noro war, machte er mit mir Shio Nage Ura Waza. Bis heute werde ich daran erinnert: Meinen Ellbogen kann ich seitdem nicht mehr gerade durchstrecken. Meister NORO sagte nur: „Nicht wehleidig sein!“ Und ich habe weiter gemacht.

Dominique Balta war dein erster Aikido-Lehrer. Er hat ja auch ein Buch über Aikido geschrieben. Hatte er Meister Uyeshiba  noch kennengelernt?

Dominique Balta kannte zunächst nur André Nocquet. Später hat er Tai Chi gemacht und vieles andere. Also sein Kontakt zum Aikido war in erster Linie durch André Nocquet entstanden und später dann durch Meister Noro, bei dem er lange war. Und da ich regelmäßig zu Meister Noro ging, traf ich dort auch Dominique Balta, der inzwischen Enghien verlassen und in Paris ein Dojo eröffnet hatte. Der Club in Enghien  hatte sich dafür eingesetzt, dass Dominique Balta ein Diplom erhielt, damit er selbstständig unterrichten konnte. Er erhielt sein Diplom und hat dann den Club in Enghien verlassen. Eine Zeit lang hatten wir dann keinen festen Aikido-Lehrer auch wenn sich mehrere daran versuchten. 1974 schied ich mich dann, dort Aikido zu unterrichten. Unabhängig davon ging ich weiterhin regelmäßig zu Meister Noro.

Hier und da einen Bruch

Du hast vorhin gesagt, dass Meister Noro  „ein Tiger“ war. Wie hast du ihn darüber hinaus gerade auch am Anfang persönlich wahrgenommen?

Für mich war das ein außerordentlicher Meister. Er hatte eine großartige Technik. Ich fand ihn ein wenig brutal, seine Technik war sehr effektiv. Aber dank ihm habe ich auch andere Meister kennengelernt, z.B. Nobuyoshi Tamura, der nach Frankreich gekommen war. Wir lernten uns gut kennen. Und da habe ich gesehen, dass sein Aikido ähnlich war. Das Aikido damals war doch sehr männlich, sehr, sehr hart, trotz allem. Wenn das immer so weitergegangen wäre, hätte ich vielleicht das Aikido aufgegeben. Das Training mit Meister Noro war sehr hart. Er duldet keine Wehleidigkeit. Es gab auch schon einmal hier und da einen Bruch.

Damals trainierten nur Männer, oder?

Ja. Fast nur Männer. Es gab vielleicht ein oder zwei Frauen, glaube ich. Als Meister Noro 1961 ankam, war Hubert Thomas gerade 15 oder 16 Jahre alt und seine heutigen Schwiegereltern trainierten bei Meister Noro. Hubert Thomas hat Meister Noro also von Anfang an gekannt. Als ich Meister Noro kennenlernte, war er nicht nur ein Tiger, sondern ein Raubtier. Er verletzte niemanden  –  niemals. Aber das Training war hart, sehr hart. Ich gestehe, dass ich manches Mal gelitten habe.  Und 1978, kurz bevor das Kinomichi entstand, hatte ich so meine Zweifel, weil ich ja auch älter wurde. Ich war noch verhältnismäßig jung, aber das Training war schwierig. Wenn ich mittwochmorgens zur Arbeit ging, nachdem ich wie immer dienstagabends trainiert hatte, konnte ich kaum laufen. Mir tat alles weh, wenn ich die Treppe hinaufstieg. Es war ein sehr hartes Training. Und es wurde immer härter. Aber ich habe Meister Noro immer bewundert.

”Bitte verlassen Sie das Dojo!”

Du hast Meister Noro 1965 kennen gelernt. Ungefähr ein Jahr später, 1966,  hatte Meister Noro  s einen schweren Unfall. Und dann folgte diese Phase von ungefähr zwölf Jahren, bis das Kinomichi kreiert wurde. Aber Meister Noro hat sich nach dem Unfall nicht geäußert im Sinne: „Ich kreiere jetzt irgendetwas Neues“, sondern er hat versucht, sich zu revitalisieren. Wie hast Du diese Übergangsphase erlebt?

Nach dem Unfall traf Meister Noro Menschen aus anderen Disziplinen: Mademoiselle Foix  , Dr. Lily Ehrenfried und andere. Nach seinem Unfall lud er jeden Dienstagabend zu Konferenzen in seinem Dojo in der Rue des Petits Hôtels ein, dem Aikikai von Paris, wie er es nannte. Dorthin war auch Frau Doktor Ehrenfried eingeladen worden. Dort wurden Vorträge gehalten, Techniken vorgestellt und man konnte Fragen stellen. Ich erinnere mich gut an diese Abende. Was das Aikido betraf, hatten wir den Eindruck, dass es weiterhin sehr effektiv war, aber dass sich etwas verändert hatte. Es gab noch keine progressiven Kurse von Initiation I bis V. Aber es gab Kurse für alle, und es gab den letzten Kurs am Dienstag und am Freitag, wo nur Übende mit einem schon gutem Niveau zugelassen waren. Man musste sich verpflichten. Man schrieb sich ein, ein ganzes Jahr lang regelmäßig zu kommen. Während dreier Monate durfte man nicht ein einziges Mal fehlen. Wenn man einmal fehlte, durfte man nicht weiter an diesem Kurs teilnehmen. Während dieser drei Monate hob Meister Noro das Niveau der Technik an. Die Techniken waren immer noch Aikido-Techniken. Aber ich erinnere mich, dass es viele kleine Änderungen gab. So empfand ich es jedenfalls damals. Auf jeden Fall durfte man nicht ein einziges Mal fehlen. Meister  Noro schloss die Tür immer ab, wenn das Training begann. Zu Anfang des Jahres waren wir 25 Personen, am Ende des Jahres waren nur noch fünf übrig. Eines Tages z.B. fehlte ein Schüler, er war Arzt oder Medizinstudent. Und in der Woche darauf trat er in das Dojo ein. Und Meister Noro sagte: „Mein Herr, wo wollen Sie hin?“ Er antwortete: „Meister, ich komme zum Kurs.“ Meister Noro: „Aha? Sie waren letzte Woche nicht da, nicht wahr?“ „Nein, ich konnte nicht kommen.“ Ah, Ja. Bitte verlassen Sie das Dojo!“ Also es gab recht strenge Regeln. Was zur Folge hatte, dass im Laufe des Jahres etliche Schüler aus dem Kurs aussteigen mussten. Und am Ende des Jahres waren wir nur noch fünf.

Das Aikido veränderte sich in dieser Zeit. Ich war also in dem Aikidoverband und Meister Noro sagte mir, dass ich doch den Schwarzgurt ablegen sollte. Das könnte eines Tages nützlich sein. Also habe ich auch ein bisschen mit Meister Tamura während der Lehrgänge gearbeitet, und eines Tages legte ich die Prüfung für den Schwarzgurt. Die ehemaligen Schüler von Meister NORO sagten aber:  „Was ist dieses Aikido von Meister Noro? Das ist nicht mehr das Aikido von früher. Das ist  das Aikido von Meister Noro. Mir waren die Veränderungen gar nicht so bewusst, weil ich ja ständig mit ihm trainierte. Aber meine Technik hatte sich verändert, und das wurde mir in den Jahren 1975, 1976 bewusst. Unser aller Aikido hatte sich verändert. 1979 fand wie gewöhnlich der letzte Kurs vor dem Sommerlehrgang statt. Auch hier durfte man nicht fehlen. Aber ich hatte ein Unternehmen und ich verdiente die Hälfte meines Jahreseinkommens während der Ferien, da ich für Schulen arbeitete und für Kunden, die in den Ferien waren. Ich konnte also absolut nicht am Sommerlehrgang teilnehmen. Wenn man aber am Sommerlehrgang nicht teilnahm, durfte man nicht weiter an den Kursen teilnehmen. Also sagte ich zu Meister Noro: „Ich kann wirklich nicht an dem Lehrgang teilnehmen. Ich habe ein Unternehmen.“ Da machte er eine Ausnahme. Ich wurde nicht aus den Kursen verbannt. Aber andere schon.

Im September, als alle aus dem Sommer zurückkehrten, sagte Meister Noro auf einmal in seinem Dojo: „Ab jetzt gibt es Kinomichi.“  Und er zeigte Initiation I, ganz langsame Bewegungen im Kontakt. Damals war noch Daniel Martin im Dojo. Und wir fragten uns: „Was ist denn jetzt los?“ Zwei Wochen immer wieder  die gleichen langsamen Bewegungen. Und Meister Noro ging mittlerweile in ein Café nebenan, trank seinen Kaffee und spielte am Flipper. Wenn ich zum Kurs kam, ging ich zunächst ins Café, und er sagte mir: „Herr Forni, Kaffee?“ und spielte weiter am Flipper. Eines Tages fragte ich ihn: „Meister Noro, Kinomichi und Aikido: das ist nicht gleich, oder?“ „Nein, nein, nein!“ Und er spielte weiter am Flipper. Und ich sagte ihm: „Aber wann werden wir wieder Aikido machen? So wie wir früher trainiert haben. Wir werden dies doch nicht die ganze Zeit tun?“ Meister Noro hielt inne, schaute mich an und sagte: „Vielleicht zehn Jahre.“ Ich: „Zehn Jahre? So?“ „Ja, ja. Aber wenn es Ihnen nicht passt, können Sie gehen. Die Tür steht weit offen.“ Ich: „Meister, ich will sie nicht verlassen. Nein, nein.“ Er: „Aha, gut. Ich habe sie alle in einen Schnellkochtopf eingesperrt. Von Zeit zu Zeit öffne ich ein bisschen den Deckel, und so in zehn Jahre… Und eines Tages werde ich den Deckel öffnen und die gesamte Energie, die sie angesammelt haben während dieser zehn Jahre, wird sich entfalten. Und unser Kinomichi wird sich auch entfalten.“ Ich: „Aber, zehn Jahre?“ Er: „ Voilà !“ Ich: „Meister, zehn Jahre?“ Er: „Vielleicht.“ Das war also kurz nach der Bekanntgabe, dass es nun Kinomichi gebe.

Sie nannten uns „Tänzerinnen“

 Ich würde gerne noch einmal auf Doktor Lily Ehrenfried zu sprechen kommen. Hast Du Frau Ehrenfried auch im Dojo erlebt? Und hat sie dich beeindruckt oder ist das an dir vorbeigegangen?

Etwas, an das ich mich besonders gut erinnere: Eines Abends, als Lily Ehrenfried im Dojo einen Kurs gab, erklärte sie uns verschiedene Übungen. Und sie war nicht mehr so sehr jung. Sie hat uns gezeigt, wie man die Hände auf dem Rücken zusammenführen kann. Sie hat uns diese Übung gezeigt. Aber niemand von uns konnte das tun. Ich auch nicht. Ich war beeindruckt von dieser Dame und ihren Übungen. Und ich habe mir gesagt: „Vielleicht ist an diesem Kinomichi doch etwas dran.“ Die Begegnung mit ihr hat meine Ansichten verändert. Für mich war sie eine ältere Person, und ich war jünger und ich habe sie bewegen sehen. Und Meister Noro sagte ohne Unterlass:  „Das wird ihrem Körper guttun.“ Vielleicht habe ich an diesem Abend etwas begriffen. Ich sehe sie immer noch auf der Matte. Sie erklärte uns Übungen, um Spannungen zu lösen. Und ich sagte mir, dass, wenn ich Geduld hätte, ich mit dem Kinomichi doch weiter käme. Ich fühlte, dass mich das Kinomichi entspannte.

Ich habe also diese ältere Dame gesehen und Meister Noro, der anwesend war, lächelte und zeigte die ersten Bewegungen des Kinomichi. Wir, die wir Aikido mit ihm trainiert hatten, fragten uns, wohin das wohl führen sollte. Vor allem, da die Leute außerhalb des Kinomichi uns  „Tänzerinnen“ nannten. Aber an diesem Abend hatte ich etwas verstanden. Und vielleicht hat genau an diesem Abend für mich das Kinomichi begonnen.

Nicht „Gegner“, sondern Partner

 Ich kann mich erinnern, dass Meister Noro bei Lehrgängen erzählte, er habe in der Zeit des Umbruchs, in der Zeit, da er begann das Kinomichi zu entwickelt, Aikido für ihn auf jeden Fall Vergangenheit war. In seiner Aikido-Zeit hatte er ungefähr 1000 Schüler. Und davon sind dann, etwa 90 Prozent gegangen. Für dich war das aber, wie du es ausdrückst, eigentlich sogar eine Befreiung, oder?

Ich denke, dass Meister Noro Schüler auf einem hohen Niveau unterrichtet hat. Viele davon gehören noch immer zum Dachverband. Bernard Palmier z.B. habe ich kennen gelernt, als er 17 Jahre alt war. Jetzt ist er einer der besten französischen Aikidoka und gibt in der ganzen Welt Lehrgänge. Meister Noro hat ihnen zu ihrem Diplom verholfen. Diese Schüler haben Meister Noro verlassen, weil sie gespürt haben, wie ich glaube, dass sich das Aikido von Meister Noro veränderte. Und für sie, vielleicht war das auch ein Fehler von Meister Noro, war es das Ziel, im Aikido stark zu sein, sozusagen unverwundbar. Mit diesem Ideal im Kopf hatten sie trainiert. Und plötzlich sollte man nicht mehr von einem „Gegner“ sprechen. Auf einmal sprach Meister Noro von „Partnern“. Und sie sagten sich: „Wir werden unser eigenes Dojo eröffnen und weiterhin das Aikido pflegen, das wir kennen.“ Sie haben Meister Noro verlassen, weil sie der Veränderung nicht folgen konnten. Ich glaube, sie haben die Veränderung schon vor mir gespürt. Ich habe es erst vier bis fünf Jahre später begriffen.

Kinomichi braucht Geduld

Als ich 1987 Kinomichi zum ersten Mal erlebt habe, empfand ich es als ein bisschen ideologisch. Alles, was irgendwie wie ein Angriff aussah, war völlig verpönt. Und wer mit dem Schwert schlug, musste  immer auf die Zehen gehen, dabei schön lächeln usw. Ich finde, dass sich das seit etwa zehn Jahren verändert hat. Heute wirkt das Kinomichi weniger ideologisch. Lag das anfangs vielleicht daran, dass sich das Kinomichi vom großen Bruder Aikido erst emanzipieren musste?

Ich glaube, das war unerlässlich für Meister Noro. Wir begriffen es nicht ganz. Er war dabei, seine eigene Methode zu entwickeln, und er wollte, dass es sich vom Aikido unterschied. Ich würde sagen, dass er fünf Jahre starke Akzente setzte. Das Lächeln, der Partner und all das. Für mich ist das Kinomichi eine sehr schwierige Disziplin – eine sehr subtile auch. Man kann das Kinomichi nicht ausüben, wenn man nicht intensiv Studien zum Körper und zur Bewegung macht. Diese Phase ist im Kinomichi sehr, sehr lang. Und ich glaube, dank dieser Studien begriffen alle, dass es nicht darum ging der Bessere, der Stärkere  sein zu wollen. Was nicht heißt, dass es sich nicht eines Tages wieder ändern konnte. Aber Meister Noro war sich dessen sehr bewusst, dass es Zeit brauchte, bis sein Kinomichi zur Blüte kam. Ihm war bewusst, dass es 20, 25, 30 Jahre brauchte, bis sich eine Disziplin entfaltete. Und zu Anfang musste das Kinomichi die Menschen auch auf andere Weise anziehen als das Aikido. Das Aikido versprach, einen stärker und kräftiger zu machen. Im Kinomichi wird Wert darauf gelegt, dass man sich mit einem Partner bewegt. Um diese Technik zu assimilieren, braucht es Geduld. Das ist nicht einfach. Noch heute ist das Kinomichi nicht ganz entfaltet. Ich glaube, dass zu Anfang des Kinomichi Meister Noro wollte, dass seine Schüler ebenso  die Körpertechniken studierten, wie er es getan hatte. Techniken, die es erlauben, dass man ein Leben lang diese Disziplin ausüben kann und dass jeder sie ausüben kann, ob jung oder alt. Und er wusste, dass das schwierig werden würde. Ich habe viel mit ihm diskutiert. Er wusste um die Schwierigkeiten. Und er wollte, dass die Leute sich die Zeit nahmen. Auch war sich nicht ganz sicher, ob es ihm gelingen würde. Er sagte mir: „Es ist nicht vollendet.“ Das war 2012. „Mir ist es nicht gelungen. Also wird es ihnen auch nicht gelingen. Oder vielleicht doch.“

„Sie sind der Beste!“

 Meister NORO war ein großer Lehrer, ohne Zweifel. Aber ich habe den Eindruck, dass man die Person von Meister Noro inzwischen ein bisschen mystifiziert. So wird z.B. betont,  dass er ein großer Menschenfreund gewesen sei. Ich erinnere mich aber an Lehrgangs-Situationen, da hatte ich den Eindruck, dass sich Meister Noro auf unangenehme Weise über Leute lustig machte. Und das waren keine Ausnahmesituationen.

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe Meister NORO auch persönlich gut gekannt. Vor allen in den letzten Monaten seines Lebens. Auf der Matte war er anders. Ich denke nicht, dass er sich über Leute lustig gemacht hat. Überhaupt nicht. Er hatte eine gewisse Art, Menschen anzusprechen, zum Beispiel, wenn er sah, dass jemand nicht wirklich trainierte und es ihm nicht gelang, Techniken zu beherrschen. Dann sagte er oft zu dieser Person: „Sie sind der Beste. Und sie sind derjenige, der dem Kinomichi am meisten geben kann.“ Und das gab dieser Person wieder Vertrauen in die Arbeit und zu sich selbst. Das heißt nicht, dass er sich über jemanden lustig machte. Manchmal legte er sozusagen den Finger in die Wunde, um jemanden aufzuwecken. Aber er machte sich nicht lustig über Menschen, er respektierte jeden. Aber privat hatte er seine Sicht über gewisse Personen, wenn er über sie sprach, manchmal ein Urteil, das ich nicht erwartet hatte. Er wusste, mit wem er vorangehen konnte und mit wem nicht. Aber er sagte es nie in der Öffentlichkeit. Manchmal sagte er genau das Gegenteil. Die Menschen, denen er nur mittelmäßig vertraute, sagte er manchmal, sie seien die Besten und dass sie dem Kinomichi am meisten geben könnten. Er wollte sie ein wenig aufrütteln, um ihnen zu sagen, dass man, um voranzukommen, intensiv üben müsse. Er hatte eben eine eigene Art der Ansprache. Aber er respektierte jeden voll und ganz. Lass mich hinzufügen: Auf der einen Seite gab es den Menschen und auf der anderen Seite den Meister. Als Mensch hat er erreicht, was er erreicht hat. Er hatte sehr hart gearbeitet und auch viel gelitten. Es gab Jahre, in denen er kaum seinen Lebensunterhalt verdiente. Und er verstand nicht, dass seine Schüler nicht eben solche Anstrengungen unternahmen, wie er es tat. Das war der Mensch. Als Meister, als Lehrer, sprach er darüber nicht. Oder zumindest nicht viel.

Im Dienste seines Meisters 

Eine andere Sache, die mir oft auffiel, das war seine Tendenz, Leute hervorzuheben, die einen gewissen beruflichen Erfolg hatten. Da sprach er von Monsieur Doktor, Madame Professor, Monsieur Regisseur usw.  Aber ich kann mich nicht erinnern, dass er jemanden mit „Herr Elektriker oder Frau Schneiderin“ angesprochen hätte. Ich glaube, gesellschaftliche Anerkennung war ihm sehr wichtig.

Ja und nein. Er hätte gerne noch etwas mehr Anerkennung gefunden, um seinem Meister wiederum Ehre zu erweisen. Aikido war von Meister Uyeshiba gegründet worden. Und Meister Uyeshiba hat es an Meister Noro weitergegeben. Eines Tages sagte Meister Noro zu mir: „Wissen Sie, Herr Forni, ich habe mich viele Jahre lang geirrt. Ich habe zeigen wollen, dass ich der Stärkste war, der Schönste. Und ich habe mich geirrt. Denn mein Meister hat mich etwas ganz anderes gelehrt. Und jetzt werden wir die Seite umblättern, und wir werden in der Weise arbeiten, wie es mein Meister mich gelehrt hat!“ Ich denke, er suchte Anerkennung, damit die Lehre seines Meisters anerkannt würde. Wenn ich für mich spreche, so ist Meister Noro immer mein Meister  gewesen, und ich würde das Kinomichi ebenso verteidigen. Ich verstehe ihn sehr gut. Ich will nicht prätentiös sein, aber ich fühle mich in derselben Situation, wie er sich seinem Meister gegenüber gefühlt hat. Sein Meister hatte ihm etwas gelehrt. Meister Noro hatte enorme physische Fähigkeiten, die es ihm erlaubten, physisch Außerordentliches zu zeigen. Der Erfolg hat ihn mit sich gerissen. Und dann, eines Tages, hatte er einen Unfall. Und in drei Sekunden war alles vernichtet. Er war nicht mehr der Beste. Und da hat er begriffen, dass man von einem Moment zum anderen sehr tief fallen kann. Er konnte sich wieder erholen. Er hatte einen außerordentlichen Willen. Er wollte nicht berühmt werden mit dem Kinomichi. Aber aus Respekt vor seinem Meister suchte er die Anerkennung. Und ich glaube, als er den Sohn von Meister Uyeshiba, Deshimaru, traf, sagte er zu ihm: „Das ist das, was dein Vater mir gezeigt hat. Und deshalb tue ich, was ich tue.“

Die Harmonisierung der Energien

Eine Frage zum Spiel von Tori und Uke (Angreifer und Verteidiger) im Kinomichi. Manchmal höre ich von Leuten, dass es im Kinomichi kein Angreifen gäbe, sondern nur eine Impuls. Außerdem dürfe  der „Angegriffene“ selber keine Energie einsetzen, sondern nur die Energie des „Angreifers“ umlenken. Zum einen empfinden ich das ziemlich ideologisch, zum anderen als Blödsinn. Denn niemand kann Energie umlenken, ohne selber Energie einzusetzen. Das ist ein physikalisches Gesetz. 

Uke und Tori. Das gibt es auch im Kinomichi, wie im Aikido. Der Unterschied ist, dass wir im Kinomichi den Uke als einen Partner ansehen. Ein Partner, der uns Energie schenkt. Wir sehen ihn nicht als einen Angreifer an. Der Partner bietet uns seine Energie an, und dank dieser Situation kann man gemeinsam eine Bewegung kreieren. Vielen Anfängern gelingt das noch nicht, und es braucht eine gewisse Zeit, bis man das lernt, so dass Uke und Tori gemeinsam diese Energie teilen und gemeinsam eine Bewegung kreieren. Tori empfängt diese Energie, führt sie in eine Spirale, was schließlich eine gemeinsame Bewegung erzeugt. Der Lernprozess im Kinomichi ist ein sehr langer Prozess. Vor sechs Jahren sagte Meister Noro noch: „Sie sind noch im Kindergarten.“ Das soll heißen: Wir stehen noch am Anfang. Worauf es ankommt, ist dieser harmonische Austausch zweier Energien, d.h. also nicht, dass Tori stärker wäre als Uke. Das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass wir gemeinsam zwei Energien harmonisieren, Energien austauschen und eine gemeinsame Bewegung kreieren. Bei einer Vorführung achten die meisten auf den Tori. Ich persönlich schaue eher auf den Uke. Also, auf den, der auf den Tori zukommt. Denn er ist es, der die Energie für die Bewegung generiert. Im Aikido spricht man von einem Angriff, im Kinomichi sprechen wir von einem Partner, der uns seine Energie anbietet. Und der Tori absorbiert diese Energie ohne Konfrontation. In Vorführungen denkt man häufig, dass der Tori die entscheidende Rolle spiele. Er wirft seine Partner oder Ähnliches. Ich achte aber mehr auf den Uke. Wenn der Uke keine gute Technik hat, kann auch der Tori nicht viel machen. Der Tori kann glänzen, wenn er einen Partner hat, der ein guter Techniker ist, der ihm genügend Energie zur Verfügung stellt. Im Kinomichi sagen wir, dass es zwischen den Partnern eine harmonische Verbindung geben muss, um eine gemeinsame Bewegung kreieren zu können. Einer der Großen des Aikido, Christian Tissier, sagte mir einmal: „Die Bewegungen, die du  machst, kann ich nicht machen. Mit all deiner Erfahrung und der Technik, die du hast, gibt es eine Art Verbindung mit dem Partner, die es erlaubt, Schönheit in der Bewegung zu zeigen. Und dennoch, glaube ich, dass ihr im Grunde auch sehr effektiv seid. Genauso wie wir. Aber es gibt bei euch noch etwas Anderes.“ Es ist schwer zu erklären. Ich bin nicht prätentiös und würde nicht sagen, dass ich fortgeschrittener bin als andere, aber ich habe sehr viel trainiert. Ich unterrichte nicht nur, sondern ich übe selber mit meinen Schülern auf der Matte. Wenn ich nur unterrichten würde, würde ich das nicht sagen. Wenn es einem gelingt, sich mit dem Partner  zu harmonisieren, ist das eine wunderbare Erfahrung und es geht nicht darum, stärker zu sein als der andere. Es geht um eine Harmonisierung der beiden Energien. Um das zu erreichen, muss man viel üben. Vielleicht könnte man sagen, dass das Kinomichi die künstlerische Seite des Aikido ist.

Ihr habt vielleicht auch Filme von Meister Uyeshiba gesehen. Wenn er einen Partner warf, gelang es diesem Partner nicht, wieder in ein stabiles Gleichgewicht zu kommen. So ist es auch im Kinomichi. Auch wenn wir nicht von Angriff und Verteidigung sprechen, so habe ich euch gestern mit dem Schüler von Hubert, der ein sehr guter Partner ist, gezeigt, dass ich zwei, drei Bewegungen hintereinander mit ihm machen konnte, ohne dass der Kontakt abriss. Es ist ein Spiel mit dem Gleichgewicht, kein Angriff und keine Verteidigung. Im Aikido bewegt man oft sehr schnell, häufig ist es schmerzhaft, und da es schmerzhaft ist, fällt man.  Im Kinomichi rollt man, weil man eine Energie weiterführt.

Ich bin einmal auf der Straße angegriffen worden und habe dann meine Technik benutzt und ich bin ziemlich gut aus dieser Situation herausgekommen. Der Mann, der mich ausrauben wollte, war größer als ich. Es tut mir heute noch leid, dass er sich weh getan hat. Ich habe vorher mit ihm gesprochen. Aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich habe Kinomichi-Techniken angewandt. Keine schmerzhaften Techniken, Aber er wusste nicht, wie man fällt und tat sich weh. Es war nicht meine Schuld, vielleicht doch ein bisschen… Also Kinomichi und Aikido sind nicht so unterschiedlich. Aber unsere Progression im Unterricht ist langsam und ich würde sagen schwieriger. Und vielleicht sogar effektiver als im Aikido. Es ist schwierig, Kinomichi über Worte zu vermitteln. Man muss es erfahren. Auf der Matte. Und man muss viel üben.

Meister NORO sprach oft von den fünf S des Kinomichi: Spirale, Sourire (lächeln), Sexy (Anmut), Souplesse (Geschmeidigkeit) und Spiritualité (Spiritualität). Aber wenn es um Spiritualität ging, blieb er immer sehr vage.

Auch mir bereitet dieses Wort Schwierigkeiten. Denn ich bin, wie soll ich sagen, kartesianisch. Also, ich vermische diese Fragen nicht mit meiner Praxis. Für mich ist das Üben eine sehr physische Angelegenheit. Es gibt den Kontakt und den Partner. Und die spirituelle Seite ist meines Erachtens eine sehr persönliche Angelegenheit. Meister Noro sprach wenig über die Spiritualität, und ich habe mich viel mit ihm unterhalten. Was die fünf „S“ angeht, denke ich, dass er damit ein wenig Werbung für das Kinomichi gemacht hat. Ich entschuldige mich, dass ich das so sage. Es ist eine Art Vereinfachung, etwas plastisch machen oder mit Dingen zu assoziieren, die für die meisten verständlicher sind. Wenn ich mit ihm darüber sprach, sagte er: „Oh, oh, das.“ Das sollte wohl heißen: „Unter uns … sprechen wir nicht darüber.“ Das ist jedenfalls meine Auslegung. Aber die Arbeit im Kinomichi ist sehr tief. Auch nach diesen vielen Jahren der Praxis gibt es für mich so viel zu entdecken und im Körper zu verankern, es ist großartig. Leider wird das Kinomichi manchmal nicht richtig verstanden von denen, die es nicht ausüben. Man muss sich auf die Technik einlassen und Kinomichi selbst erfahren, um es zu verstehen.

Probehalber auf der Operationsliege

 Du hattest vor zwei Jahren eine Herzoperation. Hat dir das Kinomichi geholfen, diesen Eingriff schneller zu überwinden?

Das Kinomichi, wie auch das Aikido, haben mir eine innere Ruhe in schwierigen Umständen gegeben. Ich  gehe oder laufe viel. Eines Tages hat der Dachverband uns dazu aufgefordert, einen Belastungstest durchzuführen. Also, man muss da in die Pedalen treten, ich hatte eine Maske auf,  es wurden Messungen durchgeführt, also so ein Belastungstest. Ich habe mich diesem Test unterzogen, war völlig entspannt, denn ich fühlte mich gesund. Ich habe nie in meinem Leben einen Kardiologen aufgesucht. Es ging mir gut. Dann bin ich also auf dieses Fahrrad gestiegen und man hat die Messungen durchgeführt. Nach zwei Minuten sagte der Arzt: „Stopp! Mit ihrem Herzen stimmt etwas nicht.“ Aber ich sagte: „Mir geht es sehr gut.“ Der Arzt: „Nein, nein. Sofort steigen sie ab. Wir werden Sie ins Krankenhaus bringen. Irgendetwas stimmt mit ihrem Herzen nicht.“ Ich habe mir gedacht, dass er sich irrte, Dass er mich mit jemandem verwechselte. Im Krankenhaus erneute Tests. Und eine Asiatin teilte mir mit: „Mein Herr, Sie haben drei verstopfte Arterien. Sie brauchen einen Bypass.“ Ich: „Nein. Sind Sie sicher, dass sie mich nicht verwechseln?“ Sie: „Ja, ja.“ Ich: „Aber einen Bypass? Sie öffnen meinen Rumpf? Das Herz herausholen? All das?“ Sie sagte zu mir: „Aber ja. Aber das ist nicht so schlimm.“. Eine meiner Schülerinnen, Corinne, kannte einen Arzt im Krankenhaus Pompidou und man brachte mich dorthin. Erneute Tests. Ein Arzt und der Chirurg sagten mir: „Wir müssen Ihnen einen Bypass legen.“ Ich: „Aber warten Sie. Wie lange wird es dauern, bis ich wieder fit bin?“ Sie: „Aber warum?“ Ich:„Weil ich in zwei, drei Monaten einen Lehrgang in Berlin gebe. Da muss ich hin. Und dann habe ich einen Lehrgang in Spanien.“ Daraufhin sagte der Arzt: „Na, er ist schon wieder gesund!“ Ich war ruhig und voller Zuversicht. Ich wusste, dass es sich um eine Operation handelte, in der eventuell mein Leben auf dem Spiel stand. Es war doch immerhin ein erheblicher Eingriff. Aber ich verstand mich sehr gut mit den Ärzten, sie erklärten mir alles. Am Tag der Operation inspizierte ich vorher den Operationsraum, legte mich  auf die Operationsliege, fand heraus, dass es eine wärmende Unterlage gab, das gefiel mir und die Krankenschwester sagte „Sie werden aber dort nicht verweilen wollen.“ Ich war sehr entspannt, machte mir keine Sorgen. Man hat mich also operiert. Und am folgenden Tag kam eine japanische Krankenschwester zu mir und ich fragte sie: „Wann kann ich aufstehen?“ Sie: „Aber Sie sind doch gestern erst operiert worden. Sie werden nicht aufstehen!“ Ich: „Aber ich muss aufstehen.“ An mir waren vier Schläuche befestigt und ich fragte: „Wann werden Sie mir das alles abnehmen, damit ich endlich aufstehen kann.“ Sie sagte: „Nein, nein!“ Und sie entfernte sich. Am Abend kam sie wieder: „Wie geht’s?“ Ich sagte: „Ja. Ich würde gerne aufstehen.“ Sie: „Aber sie können nicht aufstehen. Sie sind wirklich dickköpfig.“ Und am nächsten Morgen sagte sie:“Heute Nachmittag nehmen wir die Schläuche ab.“ Das haben sie dann auch getan. Die Krankenschwester kam zu mir und sagte: „Und nun? Wir haben die Schläuche abgenommen. Also, Sie können jetzt aufstehen.“ Es schmerzte sehr, wenn ich mich bewegte. Ich konnte nicht aufstehen. Es tat zu weh. Dann habe ich mich aber an eine Übung erinnert, die Meister Noro uns einmal gezeigt hatte. Den Kopf in die Hand zu nehmen und dann diese Bewegung zu machen. So. Das machte ich also vor ihr und nach und nach konnte ich meinen Körper bewegen, und wenn ich nicht mehr im Gleichgewicht war, kam ich auf die Bettkante zurück. Sie sah mich an. Und sie sagte: „Na sowas. Das habe ich noch nie gesehen. Okay. Stehen sie auf.“ Und ich sagte: „Ich werde zur Toilette gehen.“ Und ich bin aufgestanden. Und ab dann, ab dem dritten Tag also, begann ich zu gehen. Jeden Morgen, jeden Nachmittag, jeden Abend lief ich im Krankenhaus herum. Ich kenne dieses Krankenhaus jetzt in- und auswendig. Die Gänge sind 110 Schritte lang. Und so habe ich meinen Lehrgang in Berlin geben können. Ich denke, dank meines Trainings hatte ich dieses tiefe Vertrauen und blieb ruhig. Ich glaube, dass die Menschen um mich herum mehr Angst um mich hatten als ich selbst. Ich empfand keine Angst. Ich wusste, dass alles gut gehen würde. Vielleicht gab es eine kleine Stimme tief, tief hinten in meinem Innern, die mir sagte: „Weißt du, vielleicht, …“ Aber es ist alles sehr gut verlaufen. Und ich denke wirklich, das ist meinem Training zu verdanken, Dass ich so ruhig geblieben bin. Es war immerhin doch ein Bypass, keine so leichte Operation. Aber ich hatte vollstes Vertrauen.

Herzlichen Dank, Lucien. Es war mir eine Ehre.

Interview: Berlin, 20. Februar 2020 / Übersetzung Anne Mess